Der Zug blieb stehen

Gedächtnisprotokolle von Kriegskindern

 

Foto: Willy Weihreter

Text: Sabine Röver M.A.

 

Eröffnung Sonntag 22. Mai 2022 um 11:00 Uhr

Dauer bis 03. Juli

Öffnungszeiten: Sa + So von 14 - 18 Uhr

und nach Vereinbarung

 

Da saßen wir nun in ein langes Gespräch vertieft, wir sprachen über Trauer und Verluste. Und wie so oft in solchen Gesprächen werden ganz tief verborgene, beinahe vergessene Verluste wieder wach. Heimatverlust! Ich fragte nach. Und dann sagte sie: "Wir waren damals auf der Flucht von Breslau gen Westen, nach Dresden, meine Mutter und ich. Schon ein paar Züge waren übervoll an uns vorbei gefahren. Endlich hielt ein Zug und wir zwängten uns hinein. Und dann - der Zug blieb stehen - auf freier Strecke. Es war kein Fliegeralarm, kein Angriff, nichts. Die Menschen quollen aus dem Zug und starrten auf einen riesigen Feuerschein, auf das brennende Dresden."

 

Ich war erschüttert, meine Mutter hatte mir das Gleiche erzählt.

 

Kurze Zeit später, beim Jubiläum der Deutsch-Polnischen Gesellschaft sah ich einen Bekannten. "Wieso sind Sie hier?" fragte ich. "Ich komme aus dem ehemaligen Schlesien, auf der Flucht wurde ich geboren. Meine Mutter erreichte den letzten Zug nach Westen. Er blieb auf freier Strecke stehen. Vor uns lag das brennende Dresden."

Als ich das jemandem erzählte, sagte ein scheinbar unbeteiligter Zuhörer auf einmal "auch die Familie meiner Frau war damals auf der Flucht. Sie war in einem Zug nach Dresden. Der Zug blieb stehen, auf freier Strecke ..."

 

Und jedes Mal, wenn ich dies erzähle, fügt sich eine neue Geschichte an, und immer wieder heißt es "der Zug blieb stehen".

 

Daraus entstanden Ausstellung und Buch "Der Zug blieb stehen". Portraitfotos der Menschen und Ihre Geschichten, ergänzt durch ähnliche Erlebnisse sind das Thema.